DRIFT - Wolfgang Sinwel

10.05.–14.06. 2019

“Meine Malerei ist der Versuch, unseren Lebensraum aus einer zeitgemäßen Perspektive zu betrachten.”

So beschreibt es Wolfgang Sinwel in seinem Katalog “Blick von Oben” aus dem Jahr 2013. Malerei als Ausgangspunkt für Assoziation und Dialog - beschreibt einen wichtigen Aspekt von Wolfgang Sinwels Verständnis seines künstlerischen Schaffens.
Sinwel, gebürtiger Österreicher, der seine Karriere Ende der Siebziger Jahre nach seinem Abschluss an der Akademie der Bildenden Künste in Wien beginnt, nimmt seitdem im Rahmen zahlreicher internationaler Messen und Ausstellungen aktiv am Kunstdiskurs teil und findet durch die Aufnahme in namhafte Sammlungen, wie die der Albertina Wien oder des Landes Baden-Württemberg wiederkehrend große Anerkennung.
Man spürt schnell, dass es ihm nicht nur um eine Malerei um der Malerei Willen geht. Er ist kein Artist’s Artist. Er sucht den Austausch. Oder vielmehr bietet er ihn an. Kunst als Ausgangspunkt, als Gesprächsstoff.
Worüber Wolfgang Sinwel reden möchte, was ihn um- und antreibt, verheimlicht er nicht.
Es sind die großen Themen. Die zentralen Themen unserer Zeit:
Umwelt, Fortschritt, Digitalisierung, Zerstörung, Natur und Mensch.

 

 

Nicht wenige scheitern am Versuch, Kunst im Namen einer intelligenten Kritik zu produzieren, landen sie damit doch allzu häufig in der Sackgasse der Selbstgerechtigkeit.
Dramatischer jedoch ist die Tatsache, dass es eben jene Themen sind, die derzeit wohl am meisten und gleichzeitig am wenigsten diskutiert werden.
Kaum etwas polarisiert so massiv, wie der Klimawandel, unser Einfluss auf den Planeten und was zu tun ist, um ihn zu erhalten, während es häufig an Konstruktivität und Umsetzung mangelt. Oder gar an einer Vision. Unaufhaltsam in der technologischen Selbsterweiterung, fällt es uns weiterhin schwer, unsere Weitsicht mitwachsen zu lassen, kritisiert der Künstler.
Und trotzdem sind es genau diese Themen, vor denen Wolfgang Sinwel nicht zurückschreckt. Nein, er malt, ganz unbeirrbar. Malt, auf der Suche nach einer zeitgemäßen Perspektive, wie er sagt.
Doch wie gelingt es ihm, sich diesen Themen zu nähern, ohne sich die Finger zu verbrennen? Und wohin führt uns sein Versuch, unseren Lebensraum aus einer zeitgemäßen Perspektive zu betrachten?

Wenn man die Malereien von Wolfgang Sinwel betrachtet, sieht man nichts davon - von unserem Chaos. Wir sehen weit, bis zum Horizont, erahnen Strukturen und Zeichen unter uns. Man beginnt zu atmen, als wäre die Luft zwei Grad kühler und der Blick beginnt zu wandern, ohne aufgehalten zu werden.Seine “Weltbilder”, wie er sie vieldeutig nennt, heben uns auf und mit uns ab, als schaute man aus einem der kleinen Flugzeugfenster, hinunter auf die wundersamen Muster, zu denen sich die Landschaft aus vielen 100 Metern Entfernung zusammenfügt.
Weite Landschaften, durchzogen von Adern, vielleicht Flüsse, oder Straßen, scheinen vorbeizuziehen, sind konkret und verlieren sich wieder in Schlieren und einer bloßen Andeutung. Die Natur ist stets präsent und trotzdem deutet immer etwas auf einen Eingriff hin. Auf den Versuch einer unnatürlicheren Ordnung, einer Nutzbarmachung vielleicht. Es bedarf keines Menschen im Bild um seine Anwesenheit zu vermuten. Man fühlt sich verleitet, die Ästhetik des Anthropozäns, dem Zeitalter des Menschen, in einem malerischen Werk manifestiert zu sehen. Das ist der Planet des Menschen. Das sind unsere Spuren.

 

 

Doch würde man einen wesentlichen Aspekt Sinwels künstlerischen Ausdrucks verkennen, reduzierte man seinen Inhalt auf die formal-ästhetische Interpretation des menschlichen Fußabdrucks.
Ruft man sich sein Vorhaben in Erinnerung, eine “zeitgemäße Perspektive auf unseren Lebensraum” zu finden, offenbart sich doch, dass es weniger um das “Was?” geht, als um das “Wie?”.

Aus der Vogelperspektive entdecken wir Strukturen, die vom Boden aus verborgen bleiben. So schreibt der Künstler selbst über den Blick von Oben:

“Können wir auf diesen aufschlussreichen Einblick in unseren Lebensraum unüberlegt verzichten und die bildliche Wahrnehmung ausschließlich technischen Geräten überlassen? Müssen wir uns nicht vielmehr darum bemühen, unseren Horizont in intellektueller Hinsicht zeitgemäß zu erweitern. Der technische Fortschritt der letzten Jahrzehnte hat vieles ermöglicht, verursacht Umwälzungen in großem Stil - ein Großteil der Menschheit hingegen denkt nach wie vor in Bodennähe.”

Stetig erweitern wir unseren Radius, doch was ist mit unserem Bewusstsein?, scheint Sinwel zu fragen.
Die Distanzierung, das Abstand-gewinnen ist ein essenzielles Ausdrucksmittel in Sinwels Arbeiten. Es geht um das “Sich ins Verhältnis setzen”. Um ein “Sich herausnehmen”.
Man schwebt. Betrachtet, lässt den Blick und die Gedanken schweifen, wie im Flug und fragt sich, ob sich die Landschaft unter uns entlang gleitet, oder ob wir es sind.
Sinwels Bilder scheinen nie stillzustehen. Während grasig-grüne oder sandig-gelbe Flächen, Erhöhungen und Vertiefungen unter uns vorbeiziehen, ist es beinahe unmöglich, sich den rasanten Kurven oder dem sanften Treiben zu entziehen, könnte man doch fast meinen, man hätte eine Brise um die Nase gespürt.

 

 

So ist es vielleicht eben diese Dynamik, diese Flüchtigkeit, die einem die Fragilität der eigenen Position bewusst werden lässt. Wolfgang Sinwel entzieht uns gezielt den absoluten Blick auf die Dinge, relativiert unsere Seherfahrungen, hält uns in Schwingung.
Um seinen Versuch einer zeitgemäßen Perspektive nachzuvollziehen hinterlässt uns der Künstler nicht nur Bilder, sondern nutzt auch die Textform, um über seine Haltung, seine Kunst und deren Beziehung zu reflektieren. So ist es einen Versuch wert, den Ausstellungstitel einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.
Recherchiert man zum Thema DRIFT, findet man zuallererst ausführliche Anleitung über die besten Drift Techniken mit dem Auto. Sie wissen schon, Überwindung der Seitenführungskräfte der Hinterreifen. Wenn Sie keinen Heckantrieb haben, müssen Sie die Handbremse benutzen und so weiter…
Liest man sich das mal durch, oder schaut sich so ein Video an, ist man doch erstaunt, wie wenig dieser kräfteintensive Vorgang erstmal mit den Gemälden Wolfgang Sinwels zu tun haben scheint.
Der Drift auf dem Wasser, oder in der Luft erscheint dagegen müheloser, leiser, subtiler. Aber auch unterschwellig bedrohlich. Jeder, der schon mal im Meer geschwommen ist, kennt dieses Gefühl zwischen Genuss und Unbehagen, wenn man von der Strömung erfasst wird, die einen mühelos wie ein Paket auf dem Fließband zum nächsten Strandabschnitt transportiert.
Der Drift beschreibt in jedem Szenario eine Abweichung vom Kurs. Dabei changieren die Empfindungen zwischen beglückender Leichtigkeit oder fatalem Kontrollverlust. “Es kann jederzeit kippen.”
Doch der Drift impliziert eben auch, dass es einen Kurs gibt. Eine vermeintlich richtige Richtung, oder eine falsche. Doch von welchem Kurs weichen wir ab? Wovon gilt es möglicherweise abzuweichen?

 

 

Was ich in den Bildern Wolfgang Sinwels sehe, ist eben jene Vielschichtigkeit mit denen dieses Phänomen zu lesen ist. Und es ist eben jene Vielschichtigkeit und Sensibilität mit denen Wolfgang Sinwel seine Bilder malt und auf unsere Welt schaut. Es ist eine Perspektive, die ein “Sich ins Verhältnis setzen” und “Sich seiner bewusst werden” voraussetzt. Das mag vielleicht banal klingen, doch wenn man ehrlich ist, ist es jedes Mal aufs Neue ein Wagnis, das einem Mut und Ehrlichkeit abverlangt.
In den Bildern Sinwels sehe ich keine bloße Warnung vor der Katastrophe, keinen stummen Vorwurf, kein Urteil. In ihnen stecken auch die Hoffnung und Courage, die es für eine neue Perspektive bedarf, und die sich gleichzeitig aus ihr schöpfen lassen. In ihrer Unschärfe schärfen sie den Blick auf größere Zusammenhänge. In ihrer Sensibilität lassen sie uns Widersprüche fühlen. Und in ihren unzähligen Lesarten lehren sie uns die Schönheit der Komplexität.
In diesen Eigenschaften wird die zeitgemäße Perspektive für mich aus der Passivität gehoben und verwandelt sich in eine Haltung. Eine Aufforderung zur Haltung zu unserem Lebensraum und zu uns selbst.

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